Wissenschaft

Gedanken, Wahrnehmung und das Ich

Wenn du meditierst, schweifen deine Gedanken irgendwann ab. Das haben wir bereits zur Genüge abgearbeitet. Interessant wird es in dem Moment, in dem du bemerkst: Ich war gerade in Gedanken.

Denn wir können nicht nur denken. Wir können auch wahrnehmen, dass wir denken. Diese Fähigkeit wird als Meta-Awareness bezeichnet.1

Das eigene Denken kann damit selbst zum Gegenstand der Wahrnehmung werden.

Ein Gedanke ist keine Tatsache

Gedanken fühlen sich oft unmittelbar wahr an. Doch ein Gedanke ist zunächst ein mentales Ereignis. Er kann richtig oder falsch, hilfreich oder unsinnig sein.

Meditation kann trainieren, diesen Unterschied bewusster wahrzunehmen. In der Psychologie spricht man dabei unter anderem von Decentering: Aus „Es ist so“ kann zunächst „Ich denke gerade, dass es so ist“ werden.1

Wer beobachtet hier eigentlich?

Damit berührt Meditation eine alte philosophische Frage: Was ist eigentlich dieses „Ich“, das die eigenen Gedanken beobachten kann?

Auch aus neurowissenschaftlicher Sicht gibt es keinen einzelnen Ort im Gehirn, an dem ein festes Ich sitzt. Unser Selbstgefühl entsteht aus dem Zusammenspiel verschiedener Prozesse wie Erinnerungen, Körperwahrnehmung, Emotionen und Aufmerksamkeit.2

Das beweist keine buddhistische Philosophie. Aber es macht die Frage interessant, wie selbstverständlich und unveränderlich unser Gefühl eines „Ichs“ tatsächlich ist.

Wir sehen die Welt nicht wie eine Kamera

Auch unsere Wahrnehmung ist keine objektive Aufnahme der Welt. Das Gehirn verbindet Sinneseindrücke mit Erfahrungen, Erinnerungen und Erwartungen.

Ein Geräusch während der Meditation kann das sichtbar machen: Erst ist da ein Geräusch. Dann „dieses nervige Auto“. Kurz darauf Ärger darüber, dass es deine Meditation stört oder Wut auf dich selbst, weil du dich hast stören lassen. Aus einem Geräusch ist so eine ganze Geschichte geworden. Dies passiert täglich ständig, ohne dass wir auch nur einen bewussten Gedanken dabei haben.

Meditation kann dir die Gelegenheit geben, solche Prozesse genauer zu beobachten. Es geht dabei also gar nicht darum, weniger zu denken – sondern bewusster zu bemerken, dass du denkst und was aus diesen Gedanken entsteht.

Quellen

  1. Bernstein, Hadash & Fresco (2019) Metacognitive Processes Model of Decentering: Emerging Methods and Insights
  2. Tang, Hölzel & Posner (2015) The neuroscience of mindfulness meditation